Bis zum Sommer 2016 lief die konzeptionelle Arbeit des „Chor für stürmische Jungs“ unter dem Namen „angry boys“. In dieser Zeit führten wir viele anregende Gespräche über neue Formen der Kinderchorarbeit. Hier ein kleiner Rückblick über das, was uns in dieser Zeit bewegt hat.

Wer ärgert sich hier eigentlich über was?

Ok, zugegeben: wir ärgern uns.

Wir ärgern uns darüber, dass Jungs, die im Chor singen, gehänselt werden. Dass Singen als „nicht-cool“ gilt oder als reine Mädchen-Domäne. Dass dadurch für Jungs und später für Männer ein Stück Kultur verloren geht, und man nicht mehr unbefangen ein Geburtstagsständchen oder ein Schlaflied anstimmen kann – und dass letztlich dadurch ein ganz großes Stück Lebensqualität verschwindet.

Auch Jungs ärgern sich manchmal, und manchmal fällt es ihnen schwerer als Mädchen, ihren Platz in der Welt zu finden und ihren Gefühlen und ihrer Energie Ausdruck zu verleihen. Daher lag es für uns auf der Hand, uns an den manchmal etwas verärgerten Vögeln ein Beispiel zu nehmen und einen Stein ins Rollen zu bringen: „angry boys – Chor für stürmische Jungs“:

angry: Das Attribut angry provoziert. Es greift die negativen Zuschreibungen auf, denen impulsive Jungen oft ausgesetzt sind. Wir schätzen an dem Wort ‚angry‘ die Energie und die Zielgerichtetheit und schaffen mit dem neuen Chorformat einen Erlebnisraum, in dem Jungen genau in diesem Bereich Wertschätzung erfahren.

boys: Warum ist das Angebot auf Jungen begrenzt – funktioniert das Konzept nicht auch für Mädchen? Selbstverständlich ist es möglich, ebenso ein angry girls – Projekt zu starten. Das Jungenprojekt scheint uns aber dringender, da diese in den übrigen Kinderchören schlechter repräsentiert sind. Aus pädagogischen und musikalischen Gründen halten wir es für sinnvoll, an dem geschlechtsspezifischen Ansatz festzuhalten und keine angry kids Gruppe ins Auge zu fassen.

Gleich zu Beginn merkten wir, dass wir mit diesem Stein durch offene Türen rollten. Die Zeit war reif für neue Ansätze, die die Vorteile von „geschlechtsspezifischen Angeboten“ (z.B. „Knabenchor“) aufgreifen, aber eine andere Vielfalt suchen. Uns ist es beispielsweise wichtig, prozessorientiert zu arbeiten. Das bedeutet, dass es nicht um ein vorher festgelegtes Endprodukt geht, sondern darum, der Kreativität und Impulsivität der Jungen Raum zu geben und diese in den gestalterischen Prozess mit einfließen zu lassen.

 

Dieses Anliegen führte uns zu verschiedenen Stationen:

  • November 2014: Diskussion des Konzepts in der Präsidiumssitzung des Chorverbands Niedersachsen-Bremen
  • September 2015: Start der ersten „angry boys“ Gruppe in Kooperation mit der VHS Hildesheim
  • Oktober 2015: Workshop mit dem Dozententeam Wortmann/stern auf der chor.com in Dortmund: Wohin mit den wilden Jungs?

In gemischten Kinderchören ist der Anteil der Jungen oft verschwindend gering. Knabenchöre bieten für manche Jungen eine gute Alternative, verstehen sich aber meist als Konzertchöre und sprechen eher ein bildungsnahes Publikum an. Wie könnte Kinderchor sonst noch aussehen? Beispielsweise ein Chor, in dem das impulsive Verhalten von Jungen (mit und ohne ADHS-Diagnose) nicht als störend empfunden, sondern wertgeschätzt wird? Welche Methoden kommen den lebhaften und oft sehr kreativen Jungen entgegen? Was passiert, wenn wir uns von der gut planbaren, repräsentativen Aufführung verabschieden und stattdessen Raum schaffen für offene Prozesse? Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir in Hildesheim das Projekt angry boys – Chor für Jungs ins Leben gerufen. Wir stellen euch unsere (noch recht frischen) Hildesheimer Anfänge praktisch vor und freuen uns darauf, mit euch ins Gespräch zu kommen.

  • Oktober 2015: Impulsreferat „angry boys – Chor für stürmische Jungs“ im Rahmen des Lehrgangs „Musik.Stimme.Sprache“ an der Bundesakademie für kulturelle Bildung, Wolfenbüttel
  • April 2016: Austausch mit anderen Multiplikatoren aus dem Bereich Kinderchor beim Symposium „Kinder.SINGEN.Lieder“ an der ba Wolfenbüttel (in Kooperation mit dem amj) , vor allem unter den Aspekten Migration und Inklusion.

 

Heigh-Ho!….Hi-Ho!

im Sommer 2016 haben wir einen eigenständigen Namen für die Arbeit in Hildesheim (Hi) gesucht und sind bei Hi-Ho! (sprich „Hei-Ho!“) gelandet. Natürlich sind uns hierbei erstmal die wackeren Zwerge eingefallen, aber der Ausruf Heigh- oder Hey- Ho ist schon viel älter. Er half Jungs schon vor vielen hundert Jahren den richtigen Rhythmus zu finden und kraftvoll Dinge zu bewegen.